Als im Juni vergangenen Jahres eine Studie [1] des Soziologieprofessors Mark Regnerus (Universität Texas) publiziert wurde, erzeugte sie ein für einen wissenschaftlichen Aufsatz ungewöhnlich großes Medienecho. Der Grund: Regnerus hatte zu beweisen versucht, dass Kinder lesbischer und schwuler Eltern sich nicht so gut entwickeln wie Kinder, die in heterosexuellen Ehen aufwachsen. Dazu hatte er über 3000 Fragebogen ausgewertet, in denen Personen zwischen 18 und 39 Jahren über ihre Kindheit, ihr Elternhaus und ihr gegenwärtiges Leben Auskunft gaben.
Der Haken daran: Personen, die von gleichgeschlechtlichen Elternpaaren aufgezogen wurden, waren in dem Sample kaum vertreten. Nur 2 gaben an, von einem Frauenpaar aufgezogen worden zu sein, kein(e) einzige(r) von einem Männerpaar. Nur 40 der über 3000 Personen verbrachten zumindest 3 Jahre ihrer Kindheit oder Jugendzeit mit ihrer Mutter und deren Partnerin. Aufgrund der Fragestellung ("Hatte einer Ihrer Elternteile irgendwann im Zeitraum von Ihrer Geburt bis zu Ihrem 18. Geburtstag eine gleichgeschlechtliche Beziehung?") gab die Studie keine Auskunft über die Entwicklung von Kindern, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aufwachsen, sondern bestenfalls über die Auswirkungen von Ehekrisen und Trennungen auf die Entwicklung der Kinder.
Dementsprechend hagelte es Kritik an der Studie (QueerNews.at berichtete). Mark Regnerus publizierte im Herbst eine neue Fassung, in der er manche Schlüsse etwas vorsichtiger zog. [2]
In der nun vor dem Supreme Court der Vereinigten Staaten anhängige Verfassungsklage gegen DOMA (Defense of Marriage Act, verbietet die Anerkennung von Ehen gleichgeschlechtlicher Paare durch das Bundesrecht) stützte sich unter anderem BLAG, die Abgeordnetengruppe, welches das Gesetz verteidigt, auf die Studie von Regnerus. Auch die römisch-katholische Bischofskonferenz verwendete die Studie als "wissenschaftliche" Basis für ihren amicus curiae brief sowohl im DOMA ("Windsor") Verfahren als auch im Verfahren um Prop 8 ("Hollingsworth"). Der amerikanische Soziologenverband ASA hat seinerseits einen amicus curiae brief für beiden Verfahren verfasst, in dem die Mängel der Studie diskutiert werden.
Die Veröffentlichung der Studie zu einem Zeitpunkt, als sich gleich mehrere Verfassungsklagen um die rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare als Ehepaare auf dem Weg zum Supreme Court befanden, war offensichtlich kein Zufall. Dem "American Independent" und der "Huffington Post" ist es gelungen, anhand der von der Universität Texas veröffentlichten Dokumente nachzuweisen, dass der Geldgeber der Studie, das konservative Witherspoon Institut, genau dieses Timing beabsichtigte, um die öffentliche Meinung und die Gerichte zu beeinflussen. Auch das Ergebnis war nicht ganz zufällig. Aus den Dokumenten geht hervor, dass der Direktor des Witherspoon Institutes Spender_innen gegenüber angab, dass er ein Ergebnis erwartete, das Regenbogenfamilien in ungünstigem Licht erscheinen lässt.
Dem Herausgeber der Zeitschrift Social Science Research, James Wright, ist die Sache unangenehm. Er sagte gegenüber der Huffington Post, dass er sich nicht bewusst war, dass die Sponsoren beabsichtigten, durch die Publikation der Studie den Supreme Court zu beeinflussen. Ehe und Adoptionsrechte für Lesben und Schwule sind für Wright eine Frage der Bürgerrechte, also eine Frage, die juristisch und nicht durch emprische Untersuchungen entschieden werden soll.
[1] Mark Regnerus, How Different are the Adult Children of Parents Who Have Same-Sex Relationships? Findings from the New Family Structures Study; in: Social Science Research 41, no 4 (July 2012): 752-770. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0049089X12000610
[2] Mark Regnerus, Parental same-sex relationships, family instability, and subsequent life outcomes for adult children: Answering critics of the new family structures study with additional analyses; in: Social Science Research 41, no 6 (November 2012): 1367–1377. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0049089X12001731
Anmerkung: Die erste Studie war ursprünglich frei abrufbar, ist es aber inzwischen offenbar nicht mehr. Die zweite gibt es nur gegen Bezahlung (oder ggf. über wissenschaftliche Bibliotheken).
Links: http://www.huffingtonpost.com/2013/03/10/supreme-court-gay-marriage_n_2850302.html
http://americanindependent.com/218658/ut-releases-docs-related-to-controversial-parenting-study
http://www.scotusblog.com/2013/03/monday-round-up-160/
http://www.boxturtlebulletin.com/2013/03/11/54299
http://familyinequality.wordpress.com/2012/07/23/the-regnerus-study-goes-to-court-trailing-briefs/
http://familyinequality.wordpress.com/2012/08/15/regnerus-study-controversy-guide/
http://de.scribd.com/doc/106580991/DOMA-Windsor-BLAG-Quotes-Regnerus-9-17-2012
http://thenewcivilrightsmovement.com/regnerus-anti-gay-scandal-boehner-lies-in-court-document/politics/2012/09/21/49301
http://www.boxturtlebulletin.com/2013/03/01/54143
http://familyscholars.org/2012/10/30/regnerus-study-cont/
http://blogs.findlaw.com/supreme_court/2013/01/defending-doma-a-peak-at-blags-briefs.html
http://www.asanet.org/documents/ASA/pdfs/12-144_307_Amicus_%20%28C_%20Gottlieb%29_ASA_Same-Sex_Marriage.pdf
http://www.supremecourt.gov/Search.aspx?FileName=/docketfiles/12-144.htm (Hollingsworth et al. v. Perry)
http://www.supremecourt.gov/Search.aspx?FileName=/docketfiles/12-307.htm (United States v. Edith Schlain Windsor)
http://www.afer.org/our-work/legal-filings/
http://www.scotusblog.com/2013/02/same-sex-marriage-doma-briefs/