Was als amateurpsychologische Theorie seit Jahren in Illustrierten, Foren, Chats und Blogs vertreten wird und durch zahlreiche Anekdoten und Einzelfälle belegt werden kann, wurde nur auch in einer wissenschaftlichen Studie nachgewiesen: Wer gegen Schwule, Lesben und Bisexuelle besonders aggressiv agiert, überspielt damit oft eigene homosexuelle Tendenzen. Besonders anfällig dafür sind Menschen, die von ihren Eltern eher in ein Schema geforderter oder zulässiger Eigenschaften gepresst, als bei der Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit gefördert wurden.
Ausgangspunkt der Untersuchungen von Wissenschaftler_innenteams aus England und den USA war die These, dass Kinder, deren Eltern ihnen wenig Unterstützung beim Erforschen eigener Persönlichkeitsmerkmale, Eigenheiten und Wünsche gaben, dazu neigen, Eigenschaften, die von den Eltern oder der Gesellschaft unerwünscht sind, bei sich zu unterdrücken und nicht wahrzunehmen. Dies betrifft auch die sexuelle Orientierung. Bei Kindern und Jugendlichen, deren freie Persönlichkeitsentwicklung eher unterdrückt als gefördert wurde, kommt es öfter zu einer Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung als heterosexuell und unterschwelligen homosexuellen Tendenzen. Letztere wurden im Versuch durch Reaktionstests ermittelt - den Versuchspersonen wurden Aufgaben gestellt, wie Wörter zu ergänzen, Begriffe und Bilder als schwul/lesbisch oder heterosexuell einzuordnen oder Eigenschaften aus einer Liste sich selbst und anderen zuzuordnen. Dabei wurde genau gemessen, wie lange sie bei jeder Frage für die Entscheidung brauchten.
Junge Menschen, die sich ihre eigene latente Homo- oder Bisexualität nicht eingestehen können, neigen laut dieser Studie eher zu homophoben Vorurteilen und zu aggressivem Verhalten gegen Schwule oder Lesben. "Wenn man gegen etwas eine instinktive heftige Abneigung verspürt, dann sollte man sich zunächst einmal fragen: 'Warum?'", nennt Ko-Autor Richard Ryan als wichtigste praktische Erkenntnis aus der Studie. Und: homophobe Menschen sind nicht nur Täter, sie sind auch Opfer. Die Studie wurde mit Studentinnen und Studenten aus Deutschland und den Vereinigten Staaten durchgeführt. Die Autor_innen würden sich Follow-up Studien mit jüngeren Jugendlichen, die noch bei den Eltern wohnen, wünschen und auch Untersuchungen an erwachsenen Menschen, die schon länger Zeit hatten, sich vom Elternhaus zu emanzipieren und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Quelle: Science Daily vom 6. April 2012
Die Studie: Netta Weinstein, William S. Ryan, Cody R. DeHaan, Andrew K. Przybylski, Nicole Legate and Richard M. Ryan, Parental Autonomy Support and Discrepancies Between Implicit and Explicit Sexual Identies: Dynamics of Self-Acceptance and Defense; in: Journal of Personality and Social Psychology, 2012, Vol. 102, No. 4, 815-832. DOI: 10.1037/a0026854
Hinweis: Der Text ist über die UB der Universität Wien (e-Zeitschriften) verfügbar.
Links: http://www.sciencedaily.com/releases/2012/04/120406234458.htm
http://psycnet.apa.org/journals/psp/102/4/815/ (Bibl. Daten und Abstract frei, Volltext gegen Bezahlung)
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