Philippinen - "Das Eingeständnis der Homosexualität macht den Beschwerdegegner nicht automatisch unmoralisch," erkannte Richter Hector B. Salise vor rund einem Jahr in einem Verwaltungsverfahren und der Supreme Court der Philippinen bestätigte dies nun in seiner Entscheidung vom 8. Februar 2012.
Eine solche Aussage sollte zwar selbstverständlich sein, ist es aber in einer eher konservativen und katholischen Gesellschaft noch nicht, was unter anderem auch an der unterschiedlichen Berichterstattung über den Fall in den lokalen Medien erkennbar ist. Auch sonst enthält das Urteil einige bemerkenswerte Punkte, so gehen die Höchstrichter_innen davon aus, dass die Tatsache, dass der Beschwerdegegner seit vielen Jahren verheiratet ist und zwei Kinder hat, kein Beweis für seine heterosexuelle Orientierung ist.
Zum Hintergrund des Falles: In den Philippinen gibt es keine Scheidung. Eine Ehe kann zu Lebzeiten nur entweder durch Annulierung oder durch Trennung von Tisch und Bett aufgelöst werden. Der Antragsgegner, Eliseo M. Campos, ein pensionierter Richter, war seit 1981 verheiratet, 2008 reichte er einen Antrag auf Annulierung der Ehe ein und gab als Begründung an, dass er und seine Frau nicht in der Lage wären, eine dem Wesen der Ehe entsprechende Gemeinschaft zu führen, da er homosexuell ist und seine Frau daher seit Jahren Verhältnisse mit anderen Männern habe, was ihn allerdings nicht störe. Mit seiner Frau könne er nur ehelich verkehren, wenn er sich vorstellt, dass sei ein Mann sei.
Seine Frau, Aida R. Campos, wandte gegen die Annulierung unter anderem ein, dass ihr Gatte nicht homosexuell sei, sondern die Annulierung bloß verlange, um eine andere Frau heiraten zu können, mit der er ein Verhältnis habe. Sie beantragte daher eine Trennung von Tisch und Bett. In einem weiteren Verfahren warfen sie und die ebenfalls als Beschwerdeführer_innen auftretenden Kinder ihm Unmoral, Unehrlichkeit und schweres Fehlverhalten vor - Vorwürfe, die vom Gericht nun als größtenteils haltlos erkannt wurden.
Neben dem noch anhängigen Annulierungsverfahren wird unter anderem um die Rechte an einem Grundstück prozessiert, das E.C. auf seinen damals minderjährigen Sohn umschreiben ließ, um es so aus dem gemeinsamen Ehevermögen zu lösen und vor der Aufteilung zu retten. In diesem Punkt wurde E.C. zu einer Strafe ("fine") von 20.000 Pesos (rund 300 Euro) verurteilt, da das Gericht sein Verhalten als - wenn auch leichtes - Fehlverhalten wertete.
Die Beurteilung der Moral und des Fehlverhaltens sind rechtlich in dem Fall nicht nur hinsichtlich der Glaubwürdigkeit im Annulierungsverfahren, sondern auch insofern relevant, als in den Philippinen an das ehrenhafte Verhalten von Richtern und Richterinnen besonders hohe Ansprüche gestellt werden. Auch leichtes Fehlverhalten wird mit einer vorübergehenden Suspendierung ohne Gehaltsfortzahlung geahndet.
Der Fall: Supreme Court of the Philippines, Second Division, February 8, 2012, Case: A.M. No. MTJ-10-1761
Links: http://sc.judiciary.gov.ph/jurisprudence/2012/february2012/MTJ-10-1761.html (Das Urteil im Volltext)
http://newsinfo.inquirer.net/152315/being-gay-doesnt-mean-you%E2%80%99re-immoral-supreme-court-rules-in-judges-case
http://dalje.com/en-world/ruling--judges-homosexuality-not-immoral/420131
http://www.manilatimes.net/index.php/news/regions/17688-supreme-court-fines-homosexual-judge
http://www.boxturtlebulletin.com/2012/02/27/42456
http://www.sunstar.com.ph/cebu/local-news/2012/02/29/being-gay-not-crime-sc-208676
http://www.iias.nl/nl/35/IIAS_NL35_13.pdf J. Neil C. Garcia, Male Homosexuality in the Philippines: a short history, IIAS Newsletter #35, November 2004
http://sc.judiciary.gov.ph/index2.php
http://larc.fluxfun.com/2012/02/08/a-m-no-mtj-10-1761-aida-r-campos-alistair-r-campos-and-charmaine-r-campos-complainants-vs-judge-eliseo-m-campos-promulgated-municipal-trial-court-bayugan-agusan-del-sur-respondent/ (2. Quelle für den Urteilstext)